Bürgerkrieg und der Genozid Hintergründe und Folgen | ||||||||
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Ein Plakat wirbt für die Aussöhnung durch die lokalen Gerichte (Gacaca). | In Ruhango wurden nach Auskunft des Bürgermeisters rund 30.000 Menschen ermordet. Sie wurden in dieser Gedenkstätte in einem Massengrab bestattet. | |||||||
Die Wurzeln des Bürgerkrieges in Ruanda (1990 - 1994) und die Ermordung von über 500.000 Menschen im Frühjahr 1994 reichen bis in die Kolonialgeschichte von Ruanda. Vor der Kolonisierung - zuerst durch Deutschland (1885 - 1916) dann durch Belgien (1916 - 1960) - war das Königreich Ruanda jahrhundertelang ein Nationalstaat, bevölkert durch drei Gruppen, die sich als Imbaga Y'Inyabutatu ("die drei Zweige des nationalen Baumes") verstanden. Sie sprachen die gleiche Sprache, hatten die gleichen Bräuche, die gleiche Religion und die gleichen Traditionen. Diese drei Zweige des einen Baumes - Hutu, Tutsi und Twa - waren durch dieselben kulturellen und monarchischen Sitten und Gebräuche, die sich um die Erde, das Rind, die Schmiede und die Töpferei drehten, verbunden. Sie lebten gemeinsam in klanartigen Gruppen in ganz Ruanda. Sie bildeten gemeinsam das Volk der Banyarwanda. Diese Einheit wurde mit der ersten Volkszählung (1934/35) durch Belgien zerstört; denn die Menschen wurden den drei Volksgruppen zugeordnet und diese Zuordnung wurde im Pass dokumentiert. Vor dem Hintergrund der in Europa herrschenden Rassenideologie wurde die historisch nicht belegte Behauptung aufgestellt, die Tutsis seien aus dem Norden Afrikas (Äthopien) eingewandert und damit mehr mit den Europäern verwandt als die Hutus, die als Landbauern - und damit als einfältiger - eingestuft wurden. Die Twas wurden in dieser Geschichtsschreibung ohne Quellen zur Urbevölkerung. Die Menschen mussten sich bei der Volkszählung entscheiden, welcher Volksgruppe sie angehörten. Da es kein objektives Kriterium gab, blieb die persönliche Einschätzung und der sozio-ökonomische Status als Auswahlkriterium übrig. Im Ergebnis ordneten sich Familienmitgliedern unterschiedlich zu, denn eine Hochzeiten zwischen den "Volksgruppen" war Jahrhunderte lang üblich. Doch diese Zuordung - im Pass dokumentiert - hatte direkte Konsequenzen. Vor dem Hintergrund der Rassenideologie wurden die Tutsis gefördert, sie besuchten die Schulen, wurden Verwaltungsbeamte und erhielten somit schrittweise Macht und Einfluss. Der König war Tutsi und auch den von Belgien geformten "Häuptlingstümer" (Chefferies) als neue Verwaltungseinheiten standen Tutsis vor. Die, die durch den Eintrag im Pass zu Hutus wurden, konnten keine Schulen besuchen, blieben ungebildet, wurden zu Bauern und Landarbeitern, die Steuern an die Verwaltungsbeamten zahlen mussten. So wurde die Gesellschaft gespalten. Zum Ende der Kolonialzeit standen sich die von den Belgien geschaffenen Volksgruppen unversöhnlich gegenüber. Die Hutus verlangten gleiche Rechte und Einfluss wie sie die Tutis hatten. Sie vertrieben den König, riefen die Rupublik aus. Die bisher mächtigen Tutsis flohen in die Nachbarländer Uganda, Zaire und Burundi. In Uganda bildeten sie Ruandische Patriotische Front (RPF), die von den diktatorisch herrschenden Hutu-Präsidenten Ruandas mehr Einfluß und Macht forderten. Am 1. Oktober 1990 erklärte die RPF der Regierung Ruandas den Krieg und besetzte Teile von Nordruanda. Es kam zu verschiedenen Waffenstillstands- und Friedensabkommen. Auf dem Rückflug eines weiteren Friedenstreffen in Arusha/Tanzania wurde am 6. April 1994 die Maschine des Präsidenten Habyarimana kurz vor der Landung in Kigali abgeschossen und der - von einigen Hutus als zu nachgiebig eingeschätzte Präsident getötet. In der gleichen Nacht wurden führende in Ruanda lebende Tutsis und oppositionelle Hutus durch Milizen und durch das ruandische Militär systematisch und sehr planvoll umgebracht. Die Menschen flohen vor diesem Gräueltaten nach Burundi und in das angrenzende Zaire (Goma, Bukavu). Sie hatten auch Furcht vor der RPF, die bei ihrem Einmarsch in Ruanda ebenfalls Zivilisten aus Rache an den Massakern ermordete, die aber auch von der nach Süden geflüchtete Regierung als furchtbar und barbarisch dargestellt wurde. Durch den Sieg der RPF im Sommer 1994 wurde das Massaker beendet, wenn auch noch verschiedene Milizen, die teilweise aus den Flüchtlingslager heraus agierten, weitere Mordtaten verübten. Im Bürgerkrieg starben Hutus und Tutsis, ermordet wurden alle, die andere Menschen schützten und die gegen das diktatorische Regime waren. Der heutige Präsident Paul Kagame war der frühere Oberste Befehlshaber der RPF. Es ist ihm - wenn der Literatur zu trauen ist - mit seiner Politik in den letzten Jahren gelungen, den Versöhungsprozess zu gestalten und im Land demokratische Strukturen einzuführen; auch wenn er sich gegen die Aufarbeitung der von der RPF begangenen Gräueltaten wehrt. Die für März 2003 geplante Wahl wird zeigen, wie gefestigt die ersten demokratischen Strukturen des Landes sind. Literatur: Alison Des Forges: Kein Zeuge darf überleben - Der Genozid in Ruanda, Hamburger Edition (HIS), Hamburg 2002 Philip Gourevitch: Wir möchten Ihnen mitteilen, daß wir morgen mit unseren Familien umgebracht werden - Bericht aus Ruanda, Berlin-Verlag, Berlin 1999 Uwe Hoering: Zum Beispiel Hutu & Tutsi - Der Völkermord hätte verhindert werden können, befand ein UN-Bericht, Lamuv-Verlag, Göttingen 1997 Mahmood Mamdani: When Victims Become Killers - Colonism, Nativism, and the Genocide in Rwanda, Princeton University Press, (3. Auflage) 2002 Célestin Muyombano: Ruanda - die historischen Hintergründe des Bürgerkriegs, Verlag Stephanie Nagelschmidt, Stuttgart 1995 Hildegard Schürings (Hrsg.): Ein Volk verläßt sein Land - Krieg und Völkermord in Ruanda, ISP-Verlag, Köln 1994 | ||||||||